Beginn der dreißiger Jahre PDF Print E-mail

Zu Beginn der dreißiger Jahre lebten in Krefeld, einschließlich des erst später eingemeindeten Ortsteils Hüls, etwa 1600 Juden. Grob gerechnet waren das ein Prozent der Bevölkerung. Die Tendenz war eher abnehmend, da die jüngeren Leute in die größeren Städte, besonders nach Berlin, abwanderten.

Auch wenn es im Zuge der Assimilation einen Trend fort von den  religiösen Wurzeln gab, existierten in Krefeld noch mehrere Synagogen bzw. Bethäuser: Krefeld-Mitte, Fischeln, Hüls, Linn und Uerdingen. Es herrschte ein reges Gemeindeleben. Eine Gruppe besonders orthodoxer Juden, die im Gegensatz zu der liberalen Gemeinde stand, soll eine eigene Betstube am Westwall (eine Straße in der Innenstadt) unterhalten haben. Jüdische Friedhöfe gab es in Umfeld des städtischen Friedhofes an der Heideckstraße, in Hüls, Linn und Uerdingen. Es existierte eine jüdische Volksschule und ein jüdischer Sportplatz. Diese Institutionen gewannen wieder an Bedeutung, als nach 1933 die jüdischen Kinder und Jugendlichen aus den allgemeinen Schulen und Vereinen herausgedrängt wurden. Die Erwachsenen konzentrierten sich unter diesen Bedingungen auf die Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes. Zwangsläufig gewannen zionistische Strömungen an Bedeutung.

Herausragende jüdische Persönlichkeiten jener Zeit waren der Rabbiner Dr. Arthur Bluhm, der Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander, die Musikpädagogin Dr. Louise Leven und der Arzt Dr. Kurt Hirschfelder. Im allgemeinen kann man sagen, dass sich die Krefelder etwas darauf zugute hielten, besonders tolerant gegenüber religiösen Minderheiten (auch gegenüber den Mennoniten und anderen Protestanten) zu sein. So waren die erfolgreichen Kaufleute und Akademiker jüdischer Herkunft gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, besonders wenn die Familien seit mehreren Generationen in Krefeld lebten.

Antisemitische Übergriffe wie das Beschmieren der Synagoge, das Einwerfen der Fenster oder Pöbeleien auf der Straße hatten sich allerdings auch in Krefeld schon seit Mitte der zwanziger Jahre verstärkt. Übereinstimmend berichten die Zeitzeugen, dass es im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 dann auch in Krefeld zu kollektiven antisemitischen Ausschreitungen kam.

Die Erfahrung des Novemberpogroms und der Bedingungen der Haft im Konzentrationslager Dachau führten zu einem schlagartigen Anstieg der Auswanderungen. Bis 1939 gelang es etwa der Hälfte der Krefelder Juden Deutschland zu verlassen. Einige gingen nicht weit. Sie fanden Aufnahme in den Niederlanden, zu denen die Niederrheiner traditionell intensive Beziehungen pflegten. Andere - besonders Frauen, Kinder und Alte - blieben, einige allerdings mit der Vorstellung, von den Angehörigen nachgeholt zu werden, wenn die sich in der neuen Heimat eine Existenz geschaffen hatten.

So waren die Schutzlosen besonders von der Shoah betroffen. Die erste Deportation aus Krefeld erfasste fünfzig Männer, Frauen und Kinder, die am 25. Oktober 1941 nach Lodz geschafft wurden. Auch eine weitere Deportation von 144 Menschen am 11. Dezember 1941, ging noch in ein Ghetto - nach Riga. Zwei Transporte im April und im Juni 1942 brachten Krefelder in den kleinen Ort Izbica unweit von Lublin, einer Art Vorhölle der Vernichtungslager Sobibór und Belzec. Im Sommer 1942 lebten schließlich fast nur noch über 65jährige Jüdinnen und Juden in Krefeld. 223 Alte schickte man am 25. Juli 1942 nach Theresienstadt. Einige starben dort, andere wurden in die Vernichtungslager weitergeschickt - belegt ist dies für Treblinka und Auschwitz.

Neuere Untersuchungen der NS-Dokumentationsstelle ergaben, daß mindestens 737 Krefelderinnen und Krefelder im Zusammenhang mit dem Judenmord starben. Dies waren mehr, als man bislang angenommen hatte, weil erst in den letzten Jahren mehr Informationen über das Schicksal der Auswanderer zugänglich werden. Daraus ergab sich, dass viele Emigranten in den Niederlanden und in Frankreich von Nazi-Deutschland eingeholt worden waren. Ihr Weg in die Vernichtungslager führte über Westerbork bzw. Drancy.

Quelle: NS-Gedenkstätten und Dokumentationszentren in NRW